g20-Protestschild nach den Krawallen

G20 – oder: Wie zerlege ich ein Viertel?

G20. Bilder von brennenden Autos und geplünderten Geschäften. Bilder von Horden junger Männer, die marodierend durch die Straßen laufen, die aus der ganzen Welt angereist sind, um mal wieder richtig einen „draufzumachen”. Bilder von einem absurd großen Polizeiaufgebot, Bilder von Staatslenkern, die irgendwo abgehoben konferieren – während um sie herum das Chaos ausbricht. Und dazwischen: viele Hamburger, die fassungslos beobachten, was in ihrer Stadt geschieht. Menschen wie ich.

Nein, Hamburg wollte den G20 nicht. Ich zumindest kenne nicht einen Bewohner der Stadt, der den Gipfel hier haben wollte. Ich habe noch gut die Bilder aus Genua vor Augen; die italienische Hafenstadt wurde 2001 von Autonomen zerlegt. Es hat sich mir und vielen anderen nicht erschlossen, warum man ein solches Ereignis inmitten einer Großstadt abhalten muss. Allerdings waren wir alle an der Entscheidung nicht beteiligt und irgendwann setzte die typische hanseatische Gelassenheit ein: „Wird schon nicht so schlimm werden.” Es wurde schlimmer!

Willkommen in der Hölle

Den G20-Gipfel in eine Großstadt wie Hamburg zu verlegen, war eine Einladung an Gewalttouristen. Die dann auch – wie zu erwarten war – in Scharen anreisten, um an einer „Demonstration” mit dem bezeichnenden Namen „Welcome to Hell” teilzunehmen. Und wie es ebenfalls zu erwarten war, wurde dieser Marsch bereits nach einer kurzen Strecke von der Polizei aufgelöst. Seitdem tobt ein Deutungskrieg über die Geschehnisse. Handelte es sich wirklich um eine Demonstration? War sie friedlich? War das Eingreifen der Polizei angemessen oder überzogen?

Ich habe die Anführungszeichen im Text mit Absicht gesetzt, denn ich glaube – und das ist meine persönliche Meinung – dass diese „Demonstration” nur ein Vorwand für Radikale war, um mal wieder in Gruppenstärke aufmarschieren zu können. An der Spitze der schwarze Block, bekannt für seine Gewaltexesse. Dahinter viele Demonstranten, die bestimmt mit friedlichen Absichten gekommen waren. Und die doch nichts anderes waren als ein hübsches Feigenblatt für die gewaltbereiten Autonomen – und das noch nicht einmal sehen und einsehen wollten, die im Gegenteil die Idioten noch anfeuern. Auf der anderen Seite: Polizisten, Wasserwerfer, gepanzerte Fahrzeuge.

Nein, ich war nicht dabei – zu den Gründen weiter unten mehr. Ich traue mir trotzdem ein Urteil zu: Die Eskalation war gewollt und wäre so oder so gekommen. Ich weiß nicht, von wem sie letztlich zuerst ausging, aber ich denke, beide Seiten wollten sie. Und das ist das wirklich Schlimme daran. Dass idiotische Linke Ideale wie Solidarität und Hilfe für Arme missbrauchen, um mal wieder ein „Event” zu feiern. Es gibt Aufnahmen von der Demonstration, auf denen Vermummte zu sehen sind. Es ist zu erkennen, dass Bengalos gezündet wurden und dass die Polizisten mit Gegenständen beworfen wurden. Besonders friedlich sieht das für mich nicht aus, zumal von vornherein klar war, dass die Polizei auf ein solches Verhalten reagieren würde.

Für mich steht auch fest, dass vonseiten der Polizei Fehler gemacht wurden, dass auch vonseiten der Einsatzleitung, die stark umstritten ist, die Eskalation gewollt war. Die „Null-Toleranz-Linie” hatte schon im Vorfeld für gegenseitiges Misstrauen gesorgt. Wieso beispielsweise wurden keine Flächen als Zeltplätze ausgewiesen? Dann hätte man die Schwachköpfe vom schwarzen Block hübsch auf einem Platz versammelt gehabt und damit leichter kontrollieren können. So verteilten sie sich über die ganze Stadt. Wieso wurden genehmigte Protestlager geräumt, obwohl klar war, dass sich diese Entscheidung vor Gericht nicht würde halten lassen? Es ist bedenklich, wenn die Polizei Anwälte an der Arbeit hindert, wie der Anwaltliche Notdienst berichtet. Wenn Journalisten an ihrer Arbeit gehindert werden, nachträglich Akkreditierungen entzogen werden. Das alles muss Gegenstand einer Untersuchung sein, denn hier werden elementare Grundrechte eingeschränkt. Vieles an diesem Einsatz und an der gesamten Strategie der Polizei muss meiner Meinung nach hinterfragt werden.

Aber: Es gab unzählige friedliche, kreative Protestaktionen in der Stadt, das geht in dem Chaos leider völlig unter. Sie alle wurden von der Polizei begleitet, ohne dass es zu nennenswerten Zwischenfällen kam. Wer von einem Polizeistaat faselt, hat einfach keine Ahnung.

Keine Nähe, keine Unterstützung

Dabei finde ich es ganz einfach. Als Demonstrantin nehme ich nicht an Demonstrationen teil, die von Menschen mit mangelnder Distanz zum gewaltbereiten Kern ins Leben gerufen werden. Ich gehe nicht zu Demonstrationen, die schon im Titel klarmachen, worum es geht: um Gewalt. Bei denen die Veranstalter schon im Vorfeld ankündigen, eine „kämpferische Demo” zu wollen und sich nach den Krawallen nicht distanzieren, sondern darum bitten, Gewalt und Zerstörung doch bitte in andere Stadtteile zu verlagern. Tja, ist schon doof, wenn man die Folgen der selbst heraufbeschworenen Randale am eigenen Leibe erfährt, nicht wahr?

Ich kann und sollte protestieren, das ist mein gutes Recht, aber ich distanziere mich dabei tunlichst vom schwarzen Block und seinen Unterstützern, denn sonst mache ich mich und mein Anliegen in meinen Augen unglaubwürdig. Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, zum Glück. Und das muss verteidigt werden. Es gab genügend Alternativen rund um den G20, um seine Meinung kundzutun, ohne dabei gleichzeitig den nützlichen Idioten zu spielen für gewaltbereite Schwachmaten, die ohnehin nur auf Krawall aus sind. Als Demonstrantin verteidige oder relativiere das Vorgehen der autonomen Idioten nicht, ich feuere sie nicht an. Ich streichele nicht noch ihr ohnehin krankes Ego, indem ich Videos oder Fotos von ihnen in den sozialen Netzwerken hochlade. Ich distanziere mich – deutlich! Eindeutig! Verbal und räumlich!

Von Menschen, die politisch rechts stehen, erwarte ich doch auch, dass sie sich von Rechtsradikalen distanzieren. Dass Vollpfosten, die auf Demonstrationen den Hitlergruß zeigen und Journalisten angreifen, nicht noch unterstützt werden. Gleiches gilt für Extremisten jeglicher Religionen. Ich gehe auf Abstand – und erwarte das auch von jedem anderen! Die Auseinandersetzung mit dem eigenen extremen Rand ist notwendig. Für rechts, für den Islam, für das Christentum sowie für alle anderen Religionen und selbstverständlich auch für links.

„Es war schön mit euch in Hamburg!” – Zitat BlockG20

Die gleichen Gruppen – Autonome und Polizisten – standen sich dann ein paar Stunden später wieder gegenüber. Und jetzt kann es keine Frage mehr geben, von wem die Gewalt und die Eskalation ausgingen: Marodierend laufen vermummte Gestalten durch das Schanzenviertel und andere Gebiete der Stadt, die dem schwarzen Block zum Verwechseln ähnlich sehen. Und die alles zerstörten, was ihnen begegnete. „Fuck the system” – indem man Familienautos anzündet? Versucht, Wohnhäuser (!) in Brand zu stecken, wohlgemerkt während die Bewohner drin sind? Indem eine der wenigen inhabergeführten Buchhandlungen, die es überhaupt noch gibt, zerstört wird? Indem die Anwohner in Angst und Schrecken versetzt werden, sich teilweise auf die Dächer flüchten? Wow! Da habt Ihr es den Großen und Mächtigen ja mal so richtig gezeigt.

Erreicht habt ihr das genaue Gegenteil. Legitimer Protest gegen den Gipfel, gegen die Teilnehmer und ihre Politik ist aus den Schlagzeilen komplett verschwunden, weil Ihr alle Aufmerksamkeit auf Euch gezogen habt. Statt die Bürgerrechte zu stärken, habt Ihr sie geschwächt, weil Ihr Politikern wunderbare Vorwände liefert, sie weiter auszuhöhlen. Glaubt Ihr, ein Putin oder ein Erdogan ließen sich von dem Chaos beeindrucken? Die fühlen sich in ihrer Linie, jeden Protest im Keim zu ersticken, doch nur bestätigt. Ihr habt den Rechten, die seit Wochen geifernd auf die Auseinandersetzungen gewartet haben, die allerbesten Argumente geliefert, um linke Positionen zu diskreditieren. Den Gipfel wolltet Ihr stören? Das war wohl nichts! Die größte Störung des Ablaufs war, dass Melania Trump nicht am Damenprogramm teilnehmen konnte. Was für ein toller Erfolg! Stattdessen habt Ihr einen Stadtteil zerstört, der zu den schönsten, lebens- und liebenswertesten in Hamburg gehört. Der traditionell Sympathien für linke Positionen hat, von denen Ihr gerade eine Menge verspielt habt. Wenn das die Aussagen Eures politischen Programms sind, dann vielen Dank – darauf kann die Welt verzichten. Wenn Ihr Gewalt in die Straßen und zu den Menschen tragt, seid Ihr nicht einen Deut besser als die Staatslenker, die Ihr für genau das verurteilt – dass sie Gewalt in die Städte und zu den Menschen tragen. Ihr bedient Euch nur anderer Mittel!

Aber um Politik ging es Euch auch gar nicht, oder? „Bis zum nächsten Event” – auch das ist ein Zitat von der Website BlockG20. Genau das sind die Krawalle für Euch: ein Event, richtig? Mal wieder die Sau rauslassen, ein paar schöne Selfies machen und von anderen ein „echt cool” kassieren … Ganz toll: den Kapitalismus ablehnen, aber kleine, alteingessene Läden zerstören und den Inhaber so der Existenzgrundlage berauben. Großkonzerne kritisieren, aber in Markenklamotten mit dem iPhone schicke Selfies schießen und bei Facebook teilen. Zitat: „Nach uns der Regenbogen”? Was für ein Hohn! Nach Euch Chaos, Wut und viele, viele unbeteiligte Menschen, die verzweifelt sind, die immense Verluste erlitten haben, die unter Eurem Verhalten leiden müssen. Das ist Egoismus in Reinkultur. Nein, Ihr seid nicht einen Deut besser als die Menschen, die Ihr kritisiert. Ihr seid Kriminelle, Asoziale, nichts anderes. Ich hoffe, dass man jeden einzelnen von Euch fasst und bestraft!

Es geht um Menschen

Und an alle, die das Verhalten der Chaoten relativieren, die sagen: „Da werden ja nur Autos angezündet, das ist nur Sachbeschädigung. Das ist was anderes als bei Flüchtlingsheimen. Es geht ja nicht um Menschen.” Doch, um die geht es, denn es wird zumindest billigend in Kauf genommen, dass Menschen zu Schaden kommen. Es gibt Videos, die zeigen, wie die Randalierer versuchen, ein Geschäft in Brand zu stecken – im Erdgeschoss eines Wohnhauses. Was, glaubt Ihr, passiert, wenn dort ein Feuer ausbricht? Da wohnen Familien! Es gibt Berichte von Randalierern, die andere bedrängten, weil sie befürchteten, dass diese die Gesichter gefilmt oder fotografiert haben könnten. Feige sind die Randalierer also auch noch. Es wurden Kleinwagen von Pflegediensten abgefackelt – und was ist mit den Patienten, die damit am nächsten Morgen möglicherweise nicht mit lebensnotwendigen Medikamenten versorgt werden können? Ja, für solche Fragen muss man vielleicht auch mal weiter denken als von Wand bis Tapete.

Von der Tatsache, dass Polizisten gar nicht mehr als Menschen angesehen werden, sondern nur noch als „Bullen” gelten, ganz zu schweigen. Selbstverständlich sind Polizisten Menschen, es macht mich fassungslos, dass man das überhaupt betonen muss. Ihr begebt Euch auf das gleiche bescheuerte Niveau wie rechte Arschlöcher, die Flüchtlingen das Menschsein absprechen, wie Islamisten, die Andersgläubigen das Menschsein absprechen – und merkt es noch nicht einmal.

Es waren erschreckende Bilder, die aus Hamburg um die Welt gingen. Ich kenne mein Hamburg anders: weltoffen und freundlich. Ich möchte nie wieder Bilder wie vom letzten Wochenende aus meiner Stadt sehen.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

3 Kommentare zu “G20 – oder: Wie zerlege ich ein Viertel?

  1. Du bist mehr als nur ein bisschen sauer: Du bist stinkwütend, und das mit Recht! Danke für Deine deutlichen Worte!

  2. Danke für diesen Artikel! Ja, man merkt, dass du sauer bist. Aber das auch völlig zu Recht – du sprichst mir komplett aus dem Herzen.

  3. Danke! Ich bin tiefbetroffen über, den hier auch genannten, politischen Schaden, den der Schwarzze Block angerichtet hat – linke Positionen werden noch viel eher abgetan von den sog. Mächtigen, der weitverbreiteten Haltung, Demonstrationen seien sowieso linksradikal wird weiter Vorschub geleistet. Ob es eine Möglichkeit gibt, im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, dass es sich beim Schwartzen Block eigentlich nur um eine Schlägertruppe handelt, die marodierend von einem Event zum nächsten reist? Das wäre wenigstens eine Schadensbegrenzung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.